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Leidenschaft RS


Der entscheidende Faktor im Sportwagenbau heißt nicht Motorleistung oder Aerodynamik, sondern Leistungsgewicht. Wobei diese Verhältniszahl eindeutig "hecklastig" zu interpretieren ist: Geringes Gewicht zählt mehr als hohe Motorleistung. Ein höheres Fahrzeuggewicht bedingt mehr PS, um auf die gleiehen Fahrwerte zu kommen, die Bremsen müsscn größer dimensioniert werden, um die glciche Verzögerung zu erreichen - Masse fördert Trägheit. Und mit jedem Kilogramm mehr Auto steigt der Benzinverbrauch. Wer nicht auf eine möglichst leichte Konstruktion achtet, gcrät in einen böscn Kreislauf: mehr Gcwicht = weniger Fahrleistungen -größerer technischer Aufwand = mehr Gewicht. Aus diesem Grund wird die Idee des Leichtbaues in der gesamten Automobilentwicklung wieder an Bedeutung gewinnen. Hohe Motorleistung wird in den Hintergrund treten, der einzige Weg zu sparsameren und damit vor allem umweltfreundlichen Fahrzeugen wird über weniger Gewicht führen.

Leichtbau bedeutet konstruktive Vernunft. Im Sportwagenbau ist er zusätzlich der einfachste und effizienteste Weg um das Fahrvergnügen zu steigern. Und hier hat Porsche bereits mit seinem allerersten Modell Zeichen gesetzt. Beim 356 lag die Motorleistung nur unwesentlich über der des VW Käfer, aber konsequenter Leichtbau gepaart mit einer strömungsgünstigen Karosserie ergaben um zwei Klassen bessere Fahrleistungen. Fortsetzung fand diese Idee 1972 mit dem Carrera RS 2,7, der als Basismodcll für den Motorsport entwickelt wurde. Die Strategie bestand einerseits in  kompromißloser Gewichtsreduktion, andererseits wurde ein um 300 ccm vergrößerter Motor mit 20 PS mehr eingesetzt. Die spezifische Leistung dieses Triebwerkes lag sogar unter der des bisherigen Spitzenmodelles 911 S 2,4. Der Rest ist angewandte Physik: Weniger Gewicht bedeutet bessere Fahrleistungen, spontanere Beschleunigung - kürzere Bremswege, das alles bei der erhöhten Alltagstauglichkeit des größeren Motors - Leichtbau als Idee.

Die nächsten 20 Jahre sollte sich der 911 in eine andere Richtung entwickeln. Fortschritt bedeutete vor allem Komfort, also Gewicht. Deshalb kann der 930 Turbo nicht als Nachfolger des Carrera RS angesehen werden. Verantwortlich war dafür vor allem eine Änderung der Homologationsbestimmungen, wonach das Gewicht des Serienfahrzeuges nicht mehr maßgeblich war für das Gewicht der Rennversion. So konnte der Wagen von den Marketing-Leuten bereits serienmäßig mit allen erdenklichen und verkaufsfördernden Extras ausgerüstet werden. Der Turbo stellt also eine völlig Abkehr von der Idee des schlanken, puren Neunelfers dar. Der 911 SC RS kann wegen seiner geringen Stückzahl nicht als Nachfolger angesehen werden, die Clubsport-Variante des 3,2 Liter aus 1988 scheiterte an ihrer Halbherzigkeit. Erst die ,,reine Leere" des Carrera 2 RS transportiert den ursprünglichen Gedanken in die neunziger Jahre. Wenngleich in den 20 Jahren dazwischen jedes einzelne Teil des 911 verändert wurde, so blieb doch der ursprüngliche Charaktce erhalten. Der Carrera 2 RS ist damit der adäquate Nachfolger des RS 2,7 - er vermittelt die gleiche Fahrfreude, die gleiche Dynamik.

Der Vergleich zwischen alt und neu findet am besten anhand jener Parameter statt, die bereits den RS 2,7 vom 911 S unterschieden: Gewicht, Fahrwerk, Motor. Zu den wichtigsten Parallelen gehört, daß die Leistungsgewichte erstaunlich knapp beieinander liegen: 4,57 kg/PS (alt) - 4,69 kg/PS (neu). In beiden Fällen wurde das Ergebnis durch ähnliche Maßnahmen erzielt: leichteres Blech, dünneres Glas, weniger Ausstattung. Anstelle der Dünnblech-Karosserie treten beim Carrera 2 RS Hauben und Türen aus Aluminiumblech. Beide Modelle verfügen über Karosserie-Versteifungen an entscheidenden Punkten, um den Belastungen im Renneinsatz gerecht zu werden (beim Carrera 2 RS wurden Schweißnähte zur Verbesserung der Festigkeit nachgezogen).In beiden Fällen kann man von einer zwar deutlich abgemagerten, aber funktionellen Ausstattung sprechen. Aus Gewichtsgründen verzichtete Porsche hier auf die sonst serienmäßige Servolenkung - trotz der extremen Breitbereifung. Schalensitze sorgen für mehr Seitenhalt, ein kleineres, dicker bezogenes  Lederlenkrad  kommt zum  Einsatz, Rücksitze wurden weggelassen. Gewichtsreduktion überall: einfachere Türverkleidungen mit Zuziehschlaufen, dünnere Teppiche, schlichte Gummimatten, deutlich weniger Dämmaterial. Manchmal mögen die Maßnahmen ein wenig übertrieben erscheinen. Zum Beispiel, wenn Porsche auf eine Kofferraumleuchte verzichtet oder weniger Unterbodenschutz aufgetragen wird - die paar Gramm können es doch nicht ausmachen. Aber wo beginnt das Sparen, wo hört man auf ? Bei den Teppichen? Beim Radio? Der Klimaanlage? Beim Leichtbau ist Konsequenz gefragt. Das Fahrwerk zeigt deutliche Unterschiede in den Auffassungen. Beim RS 2,7 wurde im Prinzip das Serienfahrwerk mit einer spürbar strafferen Abstimmung übernommen, es reichte jedoch noch immer für einen alltagstauglichen Fahrkomfort. Der Carrera 2 RS kommt von der anderen Seite: Er bietet  ein  straßentaugliches  Rennfahrwerk. Dazu gehören wesentlich härtere Federn und Dämpfer sowie eine um vier Zentimeter tiefergelegte Karosserie. Der Carrera 2 RS befreite sich von der Last der Alltagstauglichkeit zugunsten der möglichen Querbeschleunigung.

Mehr Konsequenz auch bei der Bremsanlage: Während beim RS 2,7 die bessere Bremswirkung ausschließlich auf das geringere Gewicht zurückzuführen war, bekam die neue Ausgabe hinten die Scheiben des Turbo, vorne eine weiterentwickelte Turbo-Bremse - beide Anlagen stellten jedoch, in ihrer Zeit, das Optimum des Machbaren dar. Ebenfalls verfügen alt wie neu über breitere Räder als in der Serie üblich. Was beim RS 2,7 der erstmalige Einsatz von unterschiedlich breiten Felgen vorne und hinten war, sind beim Carrera 2 RS die 17-Zoll-Magnesiumfelgen. Die Entwicklung in der Reifen- technik läßt sich hier schön ablesen: Stellte 1972 die Dimension 215/60 VR 15 eine Extrembereifung dar, sind 20 Jahre später 255/40 ZR 17 möglich - auch die Serie-40- Reifen tragen ihren Teil zur Härte des Carrera 2 RS bei. Entscheidende Gemeinsamkeiten auch beim Antrieb: die Serienmotoren und die damit verbundene Problemlosigkeit. Für das Modelljahr 1973 war der Einsatz des 2,7-Liter-Motors als 911 S 2,7 geplant, bevor er in gleicher Form im Carrera RS 2,7 verwendet wurde. Auch beim Nachfolger stammen die Motoren aus der Serienproduktion, allerdings werden nur Triebwerke aus dem oberen Bereich der Leistungsstreuung eingebaut. Ein geändertes Steuergerät bringt bei der Verwen dung von Super bleifrei mit 98 Oktan eine Leistungssteigerung um 10 PS. In beiden Fällen paßte man die Getriebeübersetzungen den gesteigerten Fahrleistungen an. Beim 2,7 wurden der vierte und fünfte Gang, beim Carrera 2 RS der erste und zweite Gang länger gewählt. Ein RS-2,7-Getriebe erkennt man an einer zusätzlichen Ölpumpe, die moderne Version an einem Sperrdifferential mit lastabhängigem Sperrfaktor (im Schubbetrieb bis 100 Prozent, unter Last 20 Prozent), das beim normalen Carrera 2 auch gegen Aufpreis nicht erhältlich ist. Carrera bedeutete bei Porsche schon immer überlegene Fahrleistungen. 1972 war der RS 2,7 Deutschlands schnellstes Serienauto, die Neuauflage steht dem nur wenig nach. Die Fahrwerte von alt und neu im Vergleich:

                                0 - 100 km/h             V/max
    RS 2,7                    5.7 sec                 245 km/h
    2 RS                       5,1 sec                 260 km/h

Wie das Leistungsgewicht zeigt, kommt der neue Carrera RS nur knapp an die Werte des alten heran. In Sachen Fahrfreude lag die Latte für den Carrera 2 RS sehr hoch. Immerhin setzte der 911 in den letzten 20 Jahren einiges technisches Übergewicht an, und wie das deutlich höhere Leergewicht zeigt (1220 statt 960 Kilo), konnte nicht alles abgespeckt werden. Im subjektiven Eindruck gelingt es dem Carrera 2 RS sogar, neue Maßstäbe zu setzen: in Härte, Direktheit, Kompromißlosigkeit.
Der vielleicht entscheidene Punkt des Carrera RS war schon immer die Sporttauglichkeit: Alt wie neu stellten zu ihrer Zeit eine ideale Ausgangsbasis für Privatfahrer dar. Denn eines hat sich über 20 Jahre nicht geändert: In den Fahrleistungen kommen die Carrera RS reinrassigen Wettbewerbsfahrzeugen sehr nahe, nur ist ihr Einsatz wesentlich billiger.
Zur Carrera-Idee gehört, daß der Wagen ohne tiefgreifende Änderungen direkt von der Straße auf die Rennstrecke gebracht werden kann. Dazu kommen die unkomplizierte Technik, relativ preiswerte Ersatzteile (weil aus der Serienproduktion) und natürlich die Standfestigkeit. Wie überlegen der RS 2,7 war, beweist die Tatsache, daß er 20 Jahre die Rennen der Clubsport-Szene beherrschen konnte.
Auch hier hat der Carrera 2 RS die Nachfolge würdig übernommen. Und selbst der Verkaufserfolg gehört zur Carrera-Charakteristik: Beide Modelle waren bereits vor ihrem Produktionsbeginn ausverkauft. Während vom RS 2,7 insgesamt 1580 Stück gebaut wurden, waren es beim Carrera 2 RS 2282 Fahrzeuge. Davon wurden 76 in Touringversion, 290 in Rennversion, der Rest in Basisversion ausgeliefert.

Textzitat und Bild aus dem Buch "Carrera RS" von Konradsheim + Gruber: http://www.tag-books.com/  +  http://www.rsbuch.at/


Der Porsche 911 (964) Carrera 2 RS



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